Medienberichte oft überzogen
Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, heißt es unter Journalisten. Wohl auch deshalb werden derzeit Vitamine und Mineralien in Nahrungsergänzungsmitteln in manchen Medien kritisiert. Die undifferenzierte Panikmache ist aber ungerechtfertigt, sagen die Experten.
Der Ernährungswissenschaftler Prof. Dr. med. Hans K. Biesalski, Leiter des Institutes für Biologische Chemie und Ernährungswissenschaft der Universität Hohenheim, beantwortet uns einige Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel.
- Nützen Nahrungsergänzungsmittel denn nun, oder nicht?
- Wie kommt es, dass Sinn und Unsinn immer wieder kontrovers diskutiert werden? Woher kommt die Abwehrhaltung einiger Interessensgruppen gegen Nahrungsergänzungen?
- Sind Multivitamine (wie z.B. Centrum) Produkten mit einzelnen oder wenigen Inhaltsstoffen überlegen, wenn sie dauerhaft zur Nahrungsergänzung eingenommen werden?
- Welche Mikronährstoffarten sollte ein sinnvoll zusammen gesetztes Produkt mindestens enthalten?
- Ist mit physiologisch dosierten Multivitaminpräparaten zur Nahrungsergänzung (z.B. Centrum) wie sie in Deutschland in der Apotheke erhältlich sind, eine Überdosierung zu befürchten?
- Wann ist eine Nahrungsergänzung trotz der guten Verfügbarkeit frischer Lebensmittel sinnvoll?
- Sind Nahrungsergänzungsmittel für jeden geeignet?
- In wiefern ist die Unterscheidung zwischen synthetischen und natürlichen Vitaminen sinnvoll?
- Werden Mikronährstoffe aus Multivitaminpräparaten vom Körper überhaupt aufgenommen? Behindern die verschiedenen Inhaltsstoffe sich nicht gegenseitig?
- Wie häufig sollen Multivitamine eingenommen werden?
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Nützen Nahrungsergänzungsmittel denn nun, oder nicht?
Es gibt eindeutige Belege, dass eine unzureichende Zufuhr an Mikronährstoffen (Vitamine, Minerale, Spurenelemente) sowie einigen pflanzlichen bioaktiven Inhaltsstoffen (Carotinoide, wie ß-Carotin, Lutein, Flavonoide u.a.) einen ungünstigen Einfluss auf den Gesundheitszustand hat.
Mikronährstoffe sind verantwortlich für
- Eine einwandfreie Funktion des Immunsystems
- Kontrolliertes Wachstum und Entwicklung von Zellen und Geweben
- Schutz vor reaktiven Sauerstoffverbindungen
- Funktion des Stoffwechsels
- Hormonfunktionen
- Fortpflanzung
- Regelrechte Entwicklung des ungeborenen Kindes
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Wie kommt es, dass Sinn und Unsinn immer wieder kontrovers diskutiert werden? Woher kommt die Abwehrhaltung einiger Interessensgruppen gegen Nahrungsergänzungen?
Die kontroverse Diskussion begründet sich auf verschiedene Kernaussagen:
- In Industrienationen mit ausreichendem Angebot kommt ein Mangel nicht vor
- Jeder kann sich ausreichend und gesund ernähren
- Zuviel Vitamine werden ausgeschieden
Diese Punkte werden vornehmlich durch einzelne Fachgesellschaften bzw. Verbraucherschutz angeführt und treffen auf den gesunden Erwachsenen, ohne sonstige Belastung im weitesten Sinne auch sicherlich zu.
In der Realität sind Nahrungsangebot und Ernährungsstatus der Bevölkerung aber nicht immer deckungsgleich. Die europäische SENECA Studie, an der auch deutsche Zentren teilnehmen, hat seit 1988 eine große Menge Daten zu Fragen von Ernährung, Lifestyle, mentaler Gesundheit und Vitaminstatus im Alter zusammengetragen. Demnach sind die Aufnahmen von Vitamin B6 und Vitamin D bei größeren Gruppen älterer Menschen in Europa suboptimal.
Dass zu viele Vitamine ausgeschieden werden ist eine alte Volksweisheit, die inzwischen wissenschaftlich widerlegt ist. Auch das “synthetische“ Vitamine anders aufgenommen werden oder wirken ist nicht haltbar, da der Organismus zwischen Vitaminen aus Nahrungsergänzungsmitteln und solchen aus einem Lebensmittel (Ausnahme synthetisches Vitamin E) nicht unterscheidet.
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Sind Multivitamine (wie z.B. Centrum) Produkten mit einzelnen oder wenigen Inhaltsstoffen überlegen, wenn sie dauerhaft zur Nahrungsergänzung eingenommen werden?
Komplexe Präparate sind für den ernährungswissenschaftlich nicht vorgebildeten Verbraucher in der Regel einem Mix aus Monoprodukten oder solchen mit nur wenigen Inhaltsstoffen vorzuziehen. Sinnvoll zusammengesetzte Produkte erleichtern die tägliche Aufnahme aller essentiellen Mikronährstoffe in der empfohlenen Höhe, ohne dass der Verbraucher ihre Einnahme anpassen und aufeinander abstimmen muss.
Die dauerhafte Nahrungsergänzung einzelner Mikronährstoffe “auf Verdacht“ birgt das Risiko, dass dem Anwender einzelne Mikronährstoffe fehlen, andere ggf. zuviel sind, und er dabei der trügerischen Sicherheit unterliegt, er sei ausreichend versorgt.
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Welche Mikronährstoffarten sollte ein sinnvoll zusammen gesetztes Produkt mindestens enthalten?
Ein sinnvoll zusammengesetztes Produkt enthält außer Vitaminen auch essentielle Mineralien und Spurenelemente. Es sollten mindestens 75 % der Referenzwerte (DACH) bei bestimmungsgemäßer Anwendung erreicht werden. Im Falle einer gezielten Indikation, wie z.B. Osteoporose, können einzelne Mikronährstoffe (Vitamin D, Vitamin K, Kalzium) in Dosierungen eingesetzt werden, die auf der Grundlage entsprechender Studien auch höher dosiert sein können.
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Ist mit physiologisch dosierten Multivitaminpräparaten zur Nahrungsergänzung (z.B. Centrum) wie sie in Deutschland in der Apotheke erhältlich sind, eine Überdosierung zu befürchten?
Nein! Überdosierungen sind selbst bei Überschreitung der Empfehlung um das mehr als dreifache nicht zu befürchten, da die Aufnahme der Vitamine in weiten Bereichen geregelt wird. Dies ist ein von der Natur sinnvoll eingerichteter Vorgang, der sich auf Grund der Tatsache entwickelt hat, dass Mikronährstoffe in sehr unterschiedlicher Menge in Lebensmitteln vorkommen können. So kann in 100g Leber bis zum 20-fachen des Referenzwerte für Vitamin A liegen, ohne das daraus, selbst wenn man mehrmals im Monat Leber auf dem Speiseplan hat, ein Risiko resultieren würde. Ähnliches gilt für Vitamin E in Keimölen oder Vitamin C in Zitrusfrüchten. Hier können leicht Mengen aufgenommen werden, die weit über den Empfehlungen liegen, ohne dass mit Nebenwirkungen gerechnet werden müsste. Eine übermäßige Anreicherung im Körper wird nicht beobachtet. Daher besteht bei bestimmungsgemäßer Anwendung von Präparaten, die 100% der Empfehlungen enthalten keinerlei Risiko.
Der Sicherheitsbereich von Multivitaminpräparaten bezüglich der Dosierung und Kombination ist relativ breit: Schädliche Nebenwirkungen durch den Konsum von Vitamin- und Mineralstoffpräparaten sind im Allgemeinen nicht zu erwarten, wenn die Dosierungen im Bereich der Nährstoffempfehlungen (RDA*) liegen. Erst durch massive Überdosierung im Zuge unsachgemäßen Gebrauchs steigt die Inzidens für schädliche Reaktionen. Dosierungen im unphysiologischen Bereich (mehr als 5-10-fach RDA*) können in erster Linie bei fettlöslichen Vitaminen und einigen Mineralstoffen (Fe) und Spurenelementen (I) risikobehaftet sein.
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Wann ist eine Nahrungsergänzung trotz der guten Verfügbarkeit frischer Lebensmittel sinnvoll?
Tatsächlich gibt es in den Industrienationen eine ganze Reihe von Personengruppen, die in Bezug auf Mikronährstoffe schlecht versorgt sind. Zu diesen Risikogruppen zählen alle Personen, die sich einseitig ernähren oder die Fastfood zu sich nehmen; alte Menschen, unabhängig davon, ob sie in Heimen oder zu Hause leben; alle Menschen, die eine Gewichtsreduktionsdiät machen, d. h. eine Ernährung, die energetisch unter 1.800 kcal liegt; Personen mit einem Body-Maß-Index unter 18,5. Weiterhin fallen Sportler, Leute mit chronischer Medikamenteneinnahme, Menschen, die sich mehr oder weniger lange in Kliniken aufhalten müssen, Personen mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen, Veganer sowie Schwangere unter diese Gruppe. Dazu kommen noch klinisch definierte Personengruppen. Die Mikronährstoffe, die in den meisten Fällen nicht ausreichend zugeführt werden, sind häufig Vitamin A, Vitamin B12, Vitamin D, Jod, Eisen, Folsäure, Omega-3-Fettsäuren.
Das Hohenheimer Consensusgespräch “Risikogruppen für Mikronährstoffdefizite“ hat die folgenden Risikogruppen definiert:
- Unausgewogene bzw. einseitige Ernährung
- Ältere Menschen insbesondere Heimbewohner
- Diäten zur Gewichtsreduktion
- Sportler
- Chronische Medikamenteneinnahme
- Chronisch Kranke (z.B. Diabetiker)
- Veganer
- Schwangere/Stillende
Der vitaminmangelgefährdete Personenkreis ist in den klassischen Risikogruppen wie Schwangeren, Stillenden, Rekonvaleszenten und Menschen, die einseitige Kost konsumieren (Veganer, Makrobiotiker oder Diätbedürftige, wie z.B. Diabetiker und Personen mit Hypercholesterinämie) ebenso zu finden wie in den altersbedingten Risikogruppen, darunter Säuglinge, Kleinkinder, Jugendliche und ältere Menschen. Auch Menschen in besonderen Lebensumständen und mit unorthodoxen Ernährungsgewohnheiten, wie beispielsweise Übergewichtige, Leistungssportler, Studenten und Schichtarbeiter stellen eine eigene Risikogruppe dar. In Großbritannien hat man am Beispiel von Vitamin E und Carotinoiden festgestellt, dass der Gehalt im Blut mit steigendem Einkommen zunimmt. Dies verdeutlicht, dass einkommensschwache Bevölkerungsschichten nicht ausreichend mit Mikronährstoffen versorgt sind. Verfügbarkeit ist eben nicht nur eine quantitative Frage sondern auch eine Frage der finanziellen Ressourcen und der Mobilität des Einzelnen. Darüber hinaus können regelmäßige Medikamenteneinnahme, insbesondere von Antibiotika und oralen Kontrazeptiva (Anti-Baby-Pille) sowie Rauchen und Alkoholismus den Bedarf an einzelnen Mikronährstoffen erhöhen.
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Sind Nahrungsergänzungsmittel für jeden geeignet?
Diese Frage kann grundsätzlich bejaht werden, wenn es sich um Dosierungen im Rahmen der Empfehlungen handelt. Dies bedeutet aber auch, dass die Empfehlungen nicht erheblich unterschritten werden, da hier sonst Unterversorgungen möglich sind. Eine Ausnahme machen hochdosierte Präparate (meist ergänzend bilanzierte Diäten) die z.B. bei Krebspatienten während der Therapie oft nicht indiziert sind.
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In wiefern ist die Unterscheidung zwischen synthetischen und natürlichen Vitaminen sinnvoll?
Es gibt keinen wirklichen Grund eine solche Unterscheidung vorzunehmen. Der Organismus kann bis auf eine Ausnahme (Vitamin E) nicht zwischen synthetischen und natürlichen Vitaminen unterscheiden, da die Moleküle identisch sind. Lediglich bei Vitamin E unterscheiden sich natürliche und synthetische Formen. In diesem Fall ist die Wirkung des synthetischen um ca. 36% geringer. Dies sollte bei der Dosierung entsprechender Präparate berücksichtigt werden.
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Werden Mikronährstoffe aus Multivitaminpräparaten vom Körper überhaupt aufgenommen? Behindern die verschiedenen Inhaltsstoffe sich nicht gegenseitig?
Der wesentliche Unterschied zwischen Mikronährstoffen in Supplementen und Lebensmitteln besteht darin, dass die Mikronährstoffe im Falle der Lebensmittel an eine Matrix gebunden sind, die die Aufnahme eher behindern als dies die Mikronährstoffe in Supplementen je tun könnten. In den meisten Fällen ist die Aufnahme aus Supplementen (physiologische Dosierung angenommen) sogar wesentlich besser. In einer gemischten Kost liegen eine Vielzahl von Mikronährstoffen zusammen mit anderen bioaktiven Stoffen Fett, Eiweiß und Kohlenhydraten gemeinsam vor. In wie weit hier Behinderungen vorkommen ist völlig unklar und im Gegensatz zu Supplementen nicht untersucht.
Beispielsweise ist Folsäure auch heute noch eines der problematischsten Vitamine, wenn es um die ausreichende Bedarfsdeckung geht, da die Aufnahme der Folsäure aus grünem Blattgemüse sehr gering (3 – 5 %) ist und Leber als Haupt-Folsäure-Lieferant (Aufnahme Folsäure ca. 60 %) in der heutigen Zeit zumeist nicht auf dem Speiseplan steht. Das gleiche gilt z. B. für Eisen, dass aus Fleisch sehr viel besser aufgenommen wird, als aus Gemüse.
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Wie häufig sollen Multivitamine eingenommen werden?
Nur sehr wenige Vitamine können überhaupt gespeichert werden. Dazu gehören Vitamin A und Vitamin E sowie das wasserlösliche Vitamin B12. Alle anderen Vitamine sollten täglich zugeführt werden um eine kontinuierliche Versorgung zu gewährleisten. Wenn man sich entschieden hat Multivitamine einzunehmen oder dies nötig erscheint, so sollte man dies täglich tun, da eine sporadische Einnahme nicht wirklich zur Deckung des Tagesbedarfes beitragen kann.
Dieses Interview wurde geführt mit dem Ernährungswissenschaftler Prof. Dr. med. Hans K. Biesalski, Leiter des Institutes für Biologische Chemie und Ernährungswissenschaft der Universität Hohenheim. Das Interview ist gekürzt. Eine vollständige Version kann über das Kontaktformular angefordert werden.